Drei Ebenen der Phänomenologie

In sein Buch Ordnungen der Liebe hat Bert Hellinger nachträglich ein Kapitel über Phäno­meno­logie eingefügt.1 Dort gliedert er die Phänomenologie in drei verschiedene Ebenen: Erstens die philosophische Phänomenologie, zweitens eine psychotherapeutische und drittens eine religiöse Phänomenologie.2 Sein Paradebeispiel, mit dem er über die Jahre immer wieder erklärte, was er mit Phä­no­meno­logie meinte, ist seine Einsicht in die Funktion des Gewissens in sozialen Systemen: „Sechs Jahre lang habe ich mich dem Phänomen des Gewissens ausgesetzt – aber mit Abstand! Alles, was über das Gewissen geschrieben und gesagt wurde, dem habe ich mich aus­gesetzt, sechs Jahre lang, ohne Urteil, ohne, dass ich irgendetwas wollte. Ich habe mich den Phänomenen nur ausgesetzt. Und nach sechs Jahren kam plötzlich der entscheidende Hinweis: Das Gewissen entscheidet über Zuge­hörigkeit.“3

Diesen philosophischen Zugang hat Hellinger mehrfach so beschrieben, dass er ein Thema (nicht nur „alles, was über das Gewissen gesagt wird“, sondern genauso das Anliegen eines Fall­einbringers beim Familienstellen) „vor sich hinstellt“ und es anschaut, ohne es erfassen zu wollen. „Einsicht durch Verzicht“ nannte er das. Bei der „psychotherapeutischen Phänomenologie“ geht es um sein Familienstellen, die Arbeit mit Stellvertretern in Aufstellungen: „Dazu braucht es noch einen anderen Zugang, den ich ‚Wissen durch Teilhabe’ nenne. Dieser Zugang eröffnet sich über das Familienstellen, wenn es auf phänomenologische Weise geschieht.“4 Wohlgemerkt: Hellinger bezeichnet hier nicht etwa die Wahrnehmungen der Stellvertreter als phänomeno­logisch, sondern die Art und Weise, wie die Aufstellung ausgeführt wird:

Zwischen dem Klienten und den Mitgliedern seines Systems wirkt ein wissendes Kraftfeld, das Wissen ohne äußere Vermittlung allein durch Teilhabe ermöglicht, und, was noch über­raschender ist, auch die Stellvertreter, die ja von dieser Familie sonst nichts wissen, können an dieses Wissen und an die Wirklichkeit dieser Familie angeschlossen sein.“ Das wäre also das „Wissen durch Teilhabe“.

Voraussetzung für diese Teilhabe ist, „dass sowohl der Therapeut als auch der Klient und die Stell­ver­treter bereit sind, sich ohne Absicht und ohne Furcht, ohne Rückgriff auf eine frühere Theorie oder Erfahrung der hier ans Licht drängenden Wirklichkeit zu stellen und ihr zustimmen so, wie sie ist. Das ist die auf die Psychotherapie angewandte phänomenologische Haltung.“5 Zustimmen, möchte ich anmerken, bedeutet nicht, etwas als gut und richtig zu beurteilen, sondern anzuerkennen: Es ist so, wie es ist.

Der Abschnitt zur „religiösen Phänomenologie“ ist kaum zehn Zeilen lang, ergänzt um eine seiner Geschichten. Zum Verständnis von Hellingers Familien­­stellen scheint er wenig beizu­tragen. Er beschreibt „nur“ Bert Hellingers Grundhaltung in der Frage religiöser Erkenntnis. Die allerdings war sein Lebensthema, und meines Erachtens lässt sich auch seine Aufstel­lungs­arbeit nur vor diesem Hintergrund verstehen. Die „phänomenologische Vor­gehens­weise“ war für ihn nicht bloß eine therapeutische Technik, sondern auch ein „Erkennt­nisweg“ – für ihn der Erkenntnisweg.

In mindestens zwei seiner Bücher6 findet sich der Aphorismus „Phänomeno­logie ist Gottes­­schau“. Mit Sicherheit habe ich diesen Satz vor 20 Jahren schon gelesen, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Damals konnte ich damit wohl nicht viel anfangen. Erst heute erschließt sich mir seine Bedeutung. Bert ging es sein Leben lang um die Möglichkeit der persön­lichen Gotteserkenntnis. Mir scheint, er meinte, sie in der Phäno­menologie gefunden zu haben.



  1. In der Ausgabe aus dem Jahr 2000 ist es enthalten, in der ersten Auflage von 1994 stand es noch nicht. Man kann daraus rückschließen, dass dieser Aspekt seiner Arbeit für Hellinger in dieser Zeit wichtig wurde. ↩︎
  2. Ein Faksimile dieser Seiten findest du hier. ↩︎
  3. Vortrag in Graz, 2013. Zitiert nach Gehrmann/Steinbach, In eine andere Weite. Sn. 23 f ↩︎
  4. Hellinger, Ordnungen der Liebe. S. 24 ↩︎
  5. a.a.O., S. 25 ↩︎
  6. In Verdichtetes von 1995 und in Religion – Psychotherapie – Seelsorge von 2000. ↩︎

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