Zur Unverständlichkeit und Verwirrung um seine Aufstellungsarbeit hat Bert Hellinger durchaus selbst beigetragen:
- In der frühen Phase seiner Aufstellungsarbeit führte er verschiedene Begriffe ein und formulierte Konzepte, die ich lange wie selbstverständlich gelernt, angenommen und weiter vermittelt habe, die mir heute jedoch fragwürdig erscheinen.
- In der späten Phase etwa ab 2000 proklamierte er ein „Neues Familienstellen“. In dieser Periode war er durch die Interessen seiner zweiten Frau geleitet. Was in der frühen Phase zweifelhaft war, war es in der späteren erst recht. In allem, was direkt oder indirekt seine Frau betraf, war er nur bedingt zurechnungsfähig und glaubwürdig.
Was die frühe Phase betrifft, so muss man bedenken, dass er als Pionier in Neuland unterwegs war. Altes Wissen gab nur wenig halt, beispielsweise psychologische Kategorien wie: Jemand sei mit einem ausgeschlossenen Vorfahren „identifiziert“. Weder für Hellingers Orientierung an den Ordnungen noch für seine Vorgehensweise gab es im Kanon der bisherigen Therapieformen irgendetwas, auf das er sich beziehen oder berufen konnte. Er erkundete unbekanntes Terrain, wo er mit eigenen, neuen Begriffen und Kategorien gewissermaßen „Pflöcke einschlagen“ musste, um sich zu orientieren . Diese Vorgehensweise war notwendig und daher auch legitim, oder wäre es wenigstens gewesen, wenn er den provisorischen Charakter seiner Setzungen klar benannt hätte.
Ein Beispiel: Über die „phänomenologische“ Vorgehensweise und besonders über die Stellvertreter-Wahrnehmung kommen wir mit einer verborgenen Wirklichkeit in Kontakt, die sich unserem Verständnis nicht unmittelbar erschließt. Hellinger hat dieses Problem manchmal „gelöst“, indem er Annahmen über verborgene Wirkkräfte und Zusammenhänge behauptet hat, als handele es sich dabei um erwiesene Tatsachen. Ein wichtiger Befund aus seiner Arbeit ist: Die Aufstellung unterschiedlichster Anliegen führt fast immer zu einer „ausgeschlossenen Personen“ aus einer früheren Generation des Familiensystem. Es gebe ein „Recht auf Zugehörigkeit“, und die Missachtung dieses Rechtes führe zu Verwerfungen. In der Folge versuche dann ein Nachgeborener unbewusst, diese ausgeschlossene Person im System wieder sichtbar werden zu lassen, indem er das Schicksal dieser Person wiederholt. Er tue das, weil das „Gruppen-Gewissen“ des Familiensystems die Vollständigkeit des Systems erzwingt.
Ist das alles so? Die Wiederholung gravierender Ereignisse innerhalb einer Familie ist eine Beobachtung, die nicht nur im Familienstellen vorkommt. Dass es dieses Phänomen gibt, kann man getrost als Tatsache ansehen. Alles andere, dass der „Ausschluss“ einer früheren Person die entscheidende Ursache für ein gegenwärtiges Problem sei und umgekehrt die Anerkennung ihrer Zugehörigkeit die Lösung dafür, das sind hypothetische Erklärungs-Modelle. Falls es ein „Gruppen-Gewissen“, wie Hellinger es beschrieben hat, wirklich gibt, dann könnte es dieses Phänomen erklären. Es ist aber nur eine hypothetische Annahme. Vielleicht stimmt sie, vielleicht stimmt sie nicht. Bert Hellinger hat verschiedene Phänomene in einer Weise gedeutet, dass er solche Annahmen oder hypothetischen Modelle in einer Weise darstellte, als handele sich um erwiesene Tatsachen. Das sind sie aber nicht. Daher ist Glauben verlangt, und kritisches Hinterfragen wird dann für manchen zur Häresie, zum Verrat.