„Also lautet der Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Wilhelm Busch
Manche meinen, Bert sei kein guter Lehrer gewesen. Einmal hörte ich den Vergleich: „Aus guten Fußball-Spielern werden nicht immer gute Fußball-Trainer“. Was die Aufstellungs-Praxis betrifft, verstand sich Bert auch nicht als Lehrer. Er ließ andere zuschauen, wenn er Aufstellungen anleitete, und er antwortete auf Fragen – falls er die Fragen für sinnvoll hielt. Was die Zuschauer dann damit machten, war deren Sache. Manchmal wurde anderen Aufstellern vorgeworfen, sie würden Hellinger „imitieren“. In gewissem Maße muss zugeben: Sie hatten kaum eine andere Wahl. Bert hat öffentlich gearbeitet und damit gezeigt, wie er es macht. Jeder nahm davon auf, was er aufnehmen konnte. Wie man es richtig macht, Aufstellungen anzuleiten, das hat er eher nicht erklärt.
Was hätte er auch sagen sollen? Auf der technischen Ebene sind Aufstellungen total einfach. (Siehe dazu Familienstellen im Umriss.) Da gehört nicht viel dazu. Aber wahrnehmen und unterscheiden: Sind die Stellvertreter gesammelt? Bleiben sie bei ihren inneren Wahrnehmungen, oder spielen sie Theater? – da wird es schwierig. Wie soll man das jemandem erklären, der es nicht schon weiß? Daher vertreten wir1 auch, dass nur jemand ein guter Aufstellungsleiter werden kann, der selbst auch ein guter Stellvertreter ist.
Die „phänomenologische“ oder „gesammelte“ Haltung, sie ist für den Aufstellungsleiter wesentlich. Wenn jemandem diese Haltung ein Rätsel bleibt, liegt es vermutlich an dem Missverständnis, es handele sich um Technik, eine die man lernen kann. Es geht bei dieser Haltung aber nicht um ein Tun, sondern um ein Sein. Sie ist zwar die Voraussetzung für die Aufstellungsarbeit nach Hellinger, aber sie ist nicht Mittel zum Zweck. Sie ist nicht der Weg zu einem anderen Ziel.
Auf die entsprechende Vorhaltung einer Gesprächs-Partnerin sagte Bert einmal: „Bei Lehrern, Juristen oder Ärzten ist es etwas Anderes. Dort ist es eher ein Lernen, wie man etwas macht, ohne dass sich jemand in der Seele verändern muss. [Auch] bei den therapeutischen Schulen wird man oft auf eine bestimmte Sicht verpflichtet und neue Wahnehmungen werden ausgeschlossen. Deswegen gehöre ich keiner Schule an.“
Auf die Vorhaltung, er habe doch „sein Eigenes gegründet“ und „dazu beigetragen, dass es eine Schule gibt“, antwortete er: „Es sind nicht meine Schulen, auch wenn sie vielleicht meinen Namen tragen.“ Es gibt vor allem eine bestimmte Schule, die seinen Namen trägt, die sogenannte HellingerSchule, eine Firma seiner späteren Frau Sophie. Damals waren sie noch nicht verheiratet, und so brauchte sie Berts ausdrückliche Genehmigung, dass sie Namen seine verwenden durfte. Wenn also diese Schule mit ihm selbst identifiziert wird, trägt er selbst durchaus die Verantwortung dafür.
An dieser Stelle jedoch betonte er: „Ich habe nichts Eigenes gegründet. Ich bin nur meinen Einsichten gefolgt. Diese Einsichten habe ich mitgeteilt und ihre Anwendung demonstriert.“ Einwurf der Gesprächspartnerin: „Sie haben Einsichten verbreitet.“ Bert: „Das geht mir zu weit. Ich habe sie mitgeteilt. Beim Verbreiten ist ein missionarischer Eifer dabei. Beim Mitteilen ist es nur eine Mitteilung. Das ist ein großer Unterschied. Ich dieser Hinsicht bin ich sehr genau.“2
Also: Wir haben viel von ihm gelernt. Ein Lehrer aber war er nicht, und er wollte es auch nicht sein.
p.s.: Auch in diesem Aspekt, Bert Hellingers Haltung zum Lernen & Lehren, erweist sich sein Lebens-Skript als der Schlüssel zum Verständnis. In unserer Kultur hat gelerntes Wissen den Vorrang. Für andere Wege der Erkenntnis ist da kein Platz vorgesehen, außer vielleicht in der Philosophie. Bert hat seit 2003 mehrfach betont, dass er sich als Philosophen versteht und eine Zeit lang (um 2005) die Aufstellungsarbeit als „angewandte Philosophie“ bezeichnet. Für ihn stand jedenfalls nicht erlerntes Wissen (oder Glauben), sondern immer die Einsicht aus eigener Erfahrung auf dem ersten Platz.
Jemand erzählte mir einmal, er habe in der Zeit, in der es noch keine Ausbildungen zum Familiensteller gab, gefragt, ob er diese Arbeit auch lernen könne. Und Bert habe geantwortet: „Fang an, und du wirst Erfahrungen machen.“