Es gibt Aufsteller, die sich recht sicher sind, was phänomenologisch sei und was nicht. Zum Beispiel schrieb Hunter Beaumont in einem Artikel: „Ich wünsche mir, dass die phänomenologische Vorgehensweise sich konsequent durchsetzt, etwa in Fällen wie folgenden: Wenn ein Stellvertreter zu Boden fällt, ist es nicht phänomenologisch zu sagen: ‚Weißt du, was das bedeutet? Jemand in dem System ist gestorben.’ Phänomenologisch betrachtet bedeutet das Hinfallen nur, dass der Stellvertreter zu Boden gegangen ist.“1
Deutungen sind sicher nicht phänomenologisch, und Aussagen wie „Weißt du, was das bedeutet? Jemand in dem System ist gestorben“ sind ohnedies peinlich: Da will ein Aufsteller damit beeindrucken, was er alles weiß. Das dient nicht dazu, den nächsten fälligen Schritt zu finden. Außerdem ist die Aussage, in dem System sei jemand gestorben, an Banalität nicht zu übertreffen. Andererseits habe ich schon an anderer Stelle dazu geschrieben: „Wenn ein Stellvertreter zu Boden stürzt, liegt der Aufsteller kaum falsch, wenn er daraus schließt, dass hier jemand auf eine plötzliche Art und Weise gestorben ist. Was sollte es denn sonst heißen?“2
Woher aber nimmt Beaumont seine Gewissheit, was phänomenologisch ist und was nicht? Von Hellinger kommt das nicht. Beaumont mahnt, man müsse „muss streng differenzieren zwischen phänomenologischen Beobachtungen und deren Deutungen, sonst passieren schwerwiegende Fehler und Missverständnisse.“ Da ist das entscheidende Missverständnis bereits passiert! Hat Hellinger je von phänomenologischen Beobachtungen gesprochen? Ich weiß nur, dass er von phänomenologischen Wahrnehmungen sprach. Und das meint etwas sehr Verschiedenes.
Möglicherweise bezieht sich Beaumont auf die akademisch-philosophische Phänomenologie, wie es vermutlich auch der ungenannte Autor jenes Buches tat, das Bert Hellinger so beeindruckt hatte. Die spannende Frage ist aber: Bringt uns das irgendwie weiter um zu verstehen, was Hellinger mit der „phänomenologischen Vorgehensweise“ meinte? Eher nicht.
Der Versuch, beim Urvater der phänomenologischen Philosophie nach einer verlässlichen Definition zu fragen, erinnert mich an das Theater um den Begriff „systemisch“. Wenn es nach den Urhebern jenes Begriffes geht, ist Berts Arbeit davon weit entfernt. Das ist mir aber recht egal. Mir ist wichtig, was Bert damit meinte, wenn er seine Arbeit als systemisch bezeichnete. Ähnlich könnten wir auch hier fragen ob Hellinger den Begriff „phänomenologisch“ im Sinne des Urhebers überhaupt richtig verwendet hat. Ich könnte das nicht beurteilen, und letzten Endes ist mir auch das egal! Mir ist das wichtig, was Bert meinte, wenn er seine Arbeit so bezeichnete. Und warum ihm das so wichtig war.