Bert Hellinger erläuterte 2008 sein Verständnis von Phänomenologie in einem Brief an mich:
(Veröffentlicht 2009 in: Gehrmann, Über Psychotherapie hinaus. Sn. 325 f)
Die Phänomenologie ist eine philosophische Methode. Ich habe sie vor allem angewandt, als ich herausfinden wollte, was zum Gewissen gehört. Diese Vorgehensweise zwingt uns, dass wir uns ganz auf die Phänomene beschränken und zugleich alle Phänomene, die mit einer Sache zusammenhängen, auf uns wirken lassen, ohne eines davon auszuschließen oder zu vernachlässigen. Das verlangt, dass wir einen gewissen Abstand zu allen diesen Phänomenen halten, damit sie alle gleichermaßen in den Blick kommen. Gleichzeitig vergessen wir alles, was über diese Phänomene bisher gesagt wurde, und alle Bilder, die wir uns dazu gemacht haben. Auch alles, was andere darüber gesagt haben. Wir setzen uns also diesen Phänomenen rein aus, auch ohne eine Absicht.
Wenn wir auf dies Weise die Phänomene auf uns wirken lassen, kommt uns nach einiger Zeit – beim Gewissen waren es für mich 6 Jahre – plötzliche eine Einsicht, die das Wesentliche und Gemeinsame aller dieser Phänomene auf den Punkt bringt. Beim Gewissen war es die Einsicht, dass das Gewissen im Dienst der für uns überlebenswichtigen Zugehörigkeit steht. Diese Einsicht gab es vorher noch nicht.
Beim Familien-Stellen heißt phänomenologisch vorgehen, dass wir alle Phänomene, die sich zeigen, ohne Absicht und eigene Vorstellungen auf uns wirken lassen. Dann kommt uns plötzlich die Einsicht in den nächsten Schritt, aber auch die Einsicht, wie eine Aufstellung anfangen muss. Diese Einsicht kann von nichts abgeleitet werden, doch sie kommt, wenn alle Phänomene, die sich zeigen, da sein dürfen, wie sie sind. Also, das Familien-Stellen gäbe es nicht ohne die in letzter Konsequenz angewandte phänomenologische Vorgehensweise als eine philosophische Methode.