Bert Hellinger und die Religion

Was man von Gott gesagt,
genüget mir noch nicht.
Die Über-Gottheit ist
mein Leben und mein Licht.
Angelus Silesius

Das Familienstellen nach Bert Hellinger ist nur zu begreifen, wenn man sich mit seinem Denken vertraut macht, und das war ein zutiefst religiöses Denken. Das ist natürlich ein weites Feld. Es gäbe so viel dazu zu sagen… 2018 hatten Ursula Steinbach und ich mit In eine andere Weite bereits ein Buch zu diesem Thema veröfffentlicht. Daher ist mir auch bewusst, wie verschwindend gering das Interesse daran unter Aufstellern ist.

Mit vielen seiner Gedanken stimme ich überein, mit anderen nicht, und ich erlaube mir hier, darauf hinzuweisen. So wie sein religiöses Denken auch sein Familienstellen überwölbt hat, so muss dieses Denken hinterfragt werden, wenn diese Aufstellungsarbeit weiter getrieben werden soll. Es geht mir darum, das Familienstellen nach Hellinger und seine Lebendigkeit zu bewahren – die Flamme, nicht die Asche.

An dieser Stelle versuche ich, eine grobe Übersicht über Berts religiöses Denken zu zeichnen und auf einzelne Aspekte später gesondert einzugehen. Natür­lich war sein Denken dadurch geprägt, dass er in der ersten Hälfte seines Lebens katho­lischer Ordens­mann und Priester war. In seiner Lebens­mitte zog er sich davon zurück. Gleichwohl blieben kirchlich-christliche Traditionen für ihn ein Bezugspunkt, gerade in seiner kritischen Abgrenzung dagegen.

So nannte er in einem Vortrag (Hamburg 2008) den Gott des alten Testamentes einen Götzen. Das heißt: Eine Vorstellung der damaligen Menschen von einem Gott, den sie nach ihrem eigenen Bilde geschaffen hatten, der ihnen selbst ähnlich war. Zwar glaubte Hellinger durchaus an einen gött­lichen „Schöpfer des Himmels und der Erden“, aber nicht an den Gott des alten Testamentes. In diesem Punkt stimme ich ihm uneingeschränkt zu.

Ab Mitte der 2000er Jahre vertrat er ein Konzept des „Geistes“, der alles, was ist, denkt und dadurch ins Dasein bringt. Dabei bezog er sich auf die Philosophie von Aristoteles.

Hellingers Sicht auf Jesus Christus war geprägt durch die theologische Forschung zum „histori­schen Jesus“. Für Hellin­ger war Jesus kein Gott oder Gottessohn, sondern einfach ein Mensch. Das teile ich so nicht. Für mich sieht es so aus, als wäre Hellingers Denken in diesem Punkt noch vom alten jüdischen Monotheismus1 geleitet. Da gibt es nur die „Menschen auf Erden“ und darüber „Gott im Himmel“. Dazwischen wäre nur die unend­liche Leere des Weltraums. Und an diese Leere glaube ich nicht.

Hellinger verwarf ausdrücklich das Dogma der Dreieinigkeit von Gott, Sohn (Jesus) und Heiligem Geist. Allerdings fällt auf, dass Hellinger selbst viele seiner Erkenntisse nach einem trinitarischen Prinzip gliederte! Auch passt die radikale Vermenschlichung Jesu nicht zu der großen Bedeutung, die er für Hellinger tatsächlich hatte, und schon gar dazu, wie Hellinger in seinen letzten Lebensjahren eine ausge­spro­chen innige Beziehung zu seinem Jesus pflegte.

Hellingers lebenslanges zentrales Thema war die Frage, ob Gottes-Offenbarungen nur wenigen religiösen Autori­täten vorbe­halten wären oder ob sie jedem Menschen gleichermaßen zuteil würden. Anscheinend meinte er, in der Phänomenologie eine positive Antwort darauf gefunden zu haben. (Näheres dazu habe ich auf der Seite Bert Hellingers Lebensskript ausgeführt sowie im Wörterbuch unter dem Stichwort Phänomenologie.)

In sein Buch Ordnungen der Liebe hatte Hellinger in die Auflagen ab dem Jahr 2000 ein paar Seiten zur Phänomenologie eingefügt. Darin notierte er, „auch hier“ – auf einer Ebene, die man religiös oder spirituell nennen könne – „bleibe ich bei der phänomenologischen Haltung, ohne Absicht, ohne Furcht, ohne Vorgaben, rein bei dem, was sich zeigt.“ (Siehe hier.)

Dieses grundlegenden Konzept bezog er also gleichermaßen auf seine Aufstellungsarbeit wie auf sein religiöses Denken, und in beider Hinsicht finde ich es sehr zwiespältig. Einerseits erlaubt es der Erkenntnis eine große Weite, wenn unsere Wahrnehmung nicht durch Vorannahmen eingeengt ist. Andererseits werden wir vieles nicht wahrnehmen, auch wenn es sich zeigt, sofern wir geistig darauf nicht vorbereitet sind.

  1. Grob unterschieden gibt es seit der griechischen Antike einen philosophischen Monotheismus wie das Konzept „absoluten Geistes“. Dieser Geist, der unsere materielle Welt erzeugt, hängt von nichts anderem ab und ist auf keine besondere Eigenschaft festgelegt. Ungefähr zeitgleich gab es (z.B. in Ägypten und Babylonien) theologische Konzepte, die aus einer Vielheit von Göttern einen hervorhoben und die anderen nur als Aspekte dieser Gottheit deuteten. Noch radikaler war etwas später der jüdische Monotheismus, der die Wirklichkeit aller anderen Götter außer des Einen eigenen bestritt: „Alle Götter der Völker sind nichtig“ (Psalm 96,5). ↩︎

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Die heilige Dreifaltigkeit

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