Beobachtung und Wahrnehmung

Wenn Bert Hellinger sagte, „Diese Vorgehensweise zwingt uns, dass wir uns ganz auf die Phänomene beschränken“, wird das oft so gedeutet, dass wir uns beim Aufstellen auf das beschränken sollten, was man beobachten kann: Wenn ein Stellvertreter in der Auf­stellung plötzlich zu Boden fällt, beschränken wir uns darauf festzustellen, dass der Stell­ver­treter plötzlich zu Boden fällt. Alles, was darüber hinaus ginge, wäre Deutung, und der müssten wir uns enthalten.

Hellingers Erklärung geht aber weiter: „Wir setzen uns diesen Phänomenen rein aus, ohne eine Absicht. Wenn wir auf diese Weise die Phänomene auf uns wirken lassen, kommt uns nach einiger Zeit plötzliche eine Einsicht, die das Wesentliche dieser Phänomene auf den Punkt bringt.“ Sich den Phänomenen „aussetzen“ ohne Absicht und ohne Bewertung und sie auf „auf uns wirken lassen“, bis uns „plötz­liche eine Einsicht“ kommt, das ist weit mehr und etwas anderes als nur beobachten, was für jeden sichtbar ist.

Die ursprüngliche Wortbedeutung von „Phänomen“ ist „sichtbar werden“, „erscheinen“ oder „aufleuchten“. Beobachten können wir etwas, das schon sichtbar ist. Bei der phänomeno­logischen Wahrnehmung, wie Hellinger sie beschreibt, geht es um einen Vorgang, in dem etwas aufscheint, sichtbar wird – und zwar nicht für jeden, der die Szene im Äußeren beob­achtet, sondern für denjenigen, (und nur für denjenigen,) der sich den Phänomenen in der beschriebenen Weise aussetzt:

Bei der philosophischen Phänomenologie geht es darum, aus der Fülle der [bekannten oder sichtbaren] Phänomene das Wesentliche wahrzunehmen, indem ich mich ihnen vollständig, gleichsam mit meiner größten Fläche, aussetze. Dieses Wesentliche taucht aus dem Verbor­genen plötzlich auf, wie ein Blitz.“[1]1

Beob­achten ist ein sinnlicher Vorgang. Wir beob­achten etwas im Außen. Wahr­nehmung hin­gegen geschieht innerlich. Wir erspüren etwas, oder uns geht plötz­lich eine Erkenntnis auf. Wer sich diesen Unterschied zwischen Beobach­tung und Wahrneh­mung nicht klar macht, kann die Phänomenologie im Sinne Hellingers nicht verstehen.

Laut Hellinger gäbe es das Familienstellen nicht „ohne die in letzter Konsequenz angewandte phäno­meno­logische Vorgehensweise als eine philosophische Methode.“ Historisch gesehen ist das sicher richtig, denn er hat das Familienstellen entwickelt, und das hat er in genau dieser Art und Weise getan. Ob es aber auch überhaupt nur so praktiziert werden kann, halte ich für eine offene Frage.

Denn Beobachtung spielt in der Aufstellungspraxis tatsächlich eine große und wichtige Rolle! Wer um die systemischen Ordnungen weiß, kann die Positionen der Stell­ver­treter zuein­ander oder ihre Bewegungen durchaus lesen und deuten.

Auch wenn einem Aufsteller einmal nicht das „Wesentliche aus dem Verbor­genen plötzlich“ aufscheint, muss er deswegen nicht verzagen. Es kann genügen, wenn er sich auf die Mit­teilungen der Stellvertreter verlässt. Beides, die inneren Wahrnehmungen des Aufstellungs-Leiters wie die Wahrnehmungen der Stellvertreter hat Bert Hellinger als phänomenologisch bezeichnet. Ich halte dies für zweifelhaft und eine weitere Ursache der Verwirrung.


  1. Bert Hellinger, Ordnungen der Liebe. 6. Auflage von 2000, S. 23 ↩︎
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