Bei diesem Vortrag in Garmisch war ich selbst nicht dabei, doch in den folgenden Jahren habe ich Bert bei verschiedenen Gelegenheiten sagen hören, er sei eigentlich ein Philosoph – ein oder zweimal mit dem Zusatz, „und nicht ein Familiensteller“. Aber ich habe ihn nie wieder über Familienstellen als angewandte Philosophie sprechen gehört.
Erst spät ist mir aufgefallen, dass Bert ausschließlich dann über sich als Philosophen sprach, wenn seine Frau Sophie nicht dabei war. Zufall? Wohl kaum! Dass sie für Theologie und Philosophie nicht die geringste Wertschätzung hatte, war kein Geheimnis. Aber dass Bert sich schlicht nicht traute, solche Dinge in ihrer Gegenwart anzusprechen, weil sie sich darüber ärgern würde, das erlaubte ich mir damals noch nicht zu denken. Falls irgendjemand in seinem Umfeld das zu denken gewagt hat – öffentlich darüber gesprochen hat niemand.
Erst Wilfried Nelles hat in den letzten Jahren einige klare Worte dazu gesagt, zum Beispiel hier in seinen Memoiren: „Hellinger war Sophie gegenüber hilflos. Bei diesem Treffen [es ging um die Kooperation mit der „Universität“ Jean Monnet in Brüssel] und in den folgenden Monaten ist mir immer klarer geworden, was ich zunächst nicht wahrhaben wollte: Sie hatte ihn völlig im Griff. Er ließ nicht nur seine Freunde, sondern auch seine Arbeit fallen und ordnete sich ihr ganz unter.“1
Dass ich mir dies noch nicht zu denken erlaubte oder dass Nelles es zunächst nicht wahrhaben wollte, das sind deutliche Hinweise, das hier ein Gewissen wirkt – jene unheimliche Macht, die so oft Sieger bleibt über die Vernunft. Bei einem Seminar in Graz 2013 (und das war eines von den Seminaren, bei dem seine Frau nicht dabei war) erläuterte Bert seine Einsichten in das Gewissen an einem Beispiel:
„Der Mann und die Frau haben verschiedene Gewissen. Und jeder Ehestreit ist ein Streit zwischen zwei Gewissen. (…) Die Kinder werden konfrontiert mit zwei verschiedenen Gewissen, mit zwei verschiedenen Hinweisen, was gut ist oder falsch. Und damit kommen sie in einen Konflikt. Die Mutter zieht die Kinder in ihr Gewissen. Sie lehnt damit den Mann ab und nimmt den Kindern damit den Vater. Das stärkere Gewissen ist immer das der Mutter, und der Mann ist dann der Ausgeschlossene.“2
Anscheinend gilt das auch in Paarbeziehungen ohne Kinder. Auch hier ist das Gewissen der Frau stärker als das des Mannes. Bei Bert habe ich es so erlebt, dass er, wenn er meinte, Sophies Großartigkeit ausmalen oder sie vor Kritik schützen zu müssen, haarsträubenden Unsinn reden konnte. Manchmal war ihm das selber klar, manchmal war er wie hypnotisiert. Er konnte jederzeit völlig gesammelt und klar sein, vor allem wenn er Aufstellungen leitete. Aber wenn es um seine Frau ging, war es damit vorbei.
Dass Bert Hellinger auch Schwächen und Macken hatte, kann jeder leicht zugestehen. Das ist halt menschlich. Aber so pauschal gesagt, bleibt das billig und belanglos. Seine Schwächen oder dunklen Seiten auch konkret zu benennen, ist etwas ganz anderes. Welche Wirkung hat es aber, wenn ich diesen „ganzen“ Bert neben den makellosen, heiligen Bert stelle? Welcher ist denn größer?
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