Zugewandtheit III

„Christus, wir sind dir zugewandt“

In einem Gottesdienst hörte ich die Formel „Christus, wir sind dir zugewandt“. Das Thema der Zugewandtheit hat mich in den vergangenen Jahren immer wieder beschäftigt. Es scheint mit von zentraler Bedeutung, um die Arbeit von Bert Hellinger zu verstehen. In dieser Form jedoch, als Teil der Liturgie, überraschte es mich. Doch da wir manchmal in Aufstellungen einen Stellvertreter für Christus hinzunehmen, konnte ich mir sofort etwas darunter vorstellen.

Ein paar Tage später fragte ich (per E-mail) unseren Priester: „In der Messe am Sonntag kam ein Text mit dem Kehrvers vor: ‚Christus, wir sind dir zugewandt.’ Ich würde mir das gerne noch mal in Ruhe anschauen. Finde ich das im Schott, oder wo­anders?“

Er antwortete: „Dieser Gesang kam als Kyrie. Das waren einzelne Verse mit Christus­Anrufungen, die mit der Aussage geendet haben: ‚Christus, wir sind dir zugewandt.’ Dann kam der entsprechende Antwortgesang der Gemeinde.
Ich muss sagen, dass ich bei diesen Worten: ‚Christus, wir sind dir zugewandt’ selber meine Schwierigkeiten habe. Das hört sich für mich so billig, beliebig, sehr seltsam an. Ich bin allen möglichen Dingen, Personen, Themen ‚zugewandt’. Damit ist erst mal gar nichts aus­gesagt. Stattdessen kann man ja genau so singen: ‚Christus, wir rufen zu dir’ – oder ähnlich.
Das ist aber eine ganz persönliche Empfindung. Ich weiß ja nicht, was dich zu dieser Nachfrage veranlasst hat.“

Das stimmt, da war ich eine Erklärung schuldig. Ich antwortete ausführlich, und hier ist die kurze Fassung davon:

„Bert Hellinger betonte oft, dass er über die bestimmten Personen immer hinaus schaue auf das Größere dahinter. Dieses Schauen ist (Hellinger zufolge) immer religiös. Auch wenn wir es uns in diesem Moment nicht bewusst machen, geht dieses Schauen letztlich immer weiter und auf den ‚Urgrund’ hin, auf den göttlichen Ursprung der Schöpfung. Darum bin ich auch von dem Vers ‚Christus, wir sind dir zugewandt’ sehr ergriffen.

Du sagst: ‚Ich bin allen möglichen Dingen, Personen, Themen zugewandt’. Damit ist erst mal gar nichts ausgesagt.’ Da würde ich sagen: ‚Zwar kann ich allen möglichen Dingen oder Personen zugewandt sein – aber immer nur einem im Moment. Ich kann mich auch einem größeren Zusammenhang zuwenden, zu dem verschiedene Personen und Ereignisse gehören. Aber auch das ist dann nicht beliebig und verstreut. Sonst wäre es das Gegenteil von Zuge­wandtheit.

Ich habe übrigens bei Google die Suchbegriffe ‚Christus+zugewandt’ eingegeben und bin auf viele Beispiele gestoßen. Aber da ist immer nur die Rede davon, dass Christus uns zugewandt sei. Nicht ein Beispiel gab es für ‚Christus, wir sind dir zugewandt’. Das fand ich ent­täuschend.

Du sagst, stattdessen könne man ja singen: ‚Christus, wir rufen zu dir’. Das würde mich viel weniger ansprechen. Ich rufe normalerweise nicht zu Christus. Wenn ich mich ihm zuwende, ist er da. Er ist ja immer da. Es liegt doch nur an mir, ob ich mich ihm zuwende oder nicht. Ich wende mich ihm zu, richte mich auf ihn aus, öffne mich zu ihm hin.“

Meine Zuwendung auf Christus hin verwandelt alles. Mehr ist nicht nötig.

Thomas Gehrmann

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