Vortrag: Ich glaube in der Erfahrung…

„Ich glaube – in der Erfahrung der Gemeinschaft“1, so hieß ein Vortrag von Bert Hellinger aus dem Jahre 1972. Damals nannte er sich noch mit seinem Ordens-Namen Suitbert, war also wohl noch nicht aus dem Orden ausgetreten. Diesen Austritt stelle ich mir nicht als plötzliche Entscheidung vor, sondern als einen längeren Prozess.

Man kann das aus diesem Vortrag heraushören, in dem er sagt: „Viele Christen wollen nicht mehr mitmachen, wenn über die Erneuerung der Kirche verhandelt wird. Sie sind es müde geworden und ziehen sich zurück.“ (S. 18) Er selbst war es jedenfalls müde geworden. Speziell macht er seine Enttäuschung daran fest, dass „unser persön­lich­stes Erleben“ in der Glaubenserfahrung entwertet wird, mit „Be­rufung auf Autoritäten, Dogmen und Gesetze“. In diesem Konflikt „steht meine Beziehung zur Kirche auf dem Spiel.“ (S. 19)

Doch um was für ein persönliches Erleben geht es hier überhaupt? Es geht um nichts gerin­geres als um göttliche Offenbarung: „Jede göttliche Erfahrung“ – also auch jede, die zitier­fähig in der Bibel steht – „zeigt sich ja als eine persönliche Offenbarung, die anderen mitge­teilt wird.“ (S. 20) „Beruft sich daher einer auf eine Offenbarung, das göttliche Gesetz oder sonst eine religiöse Autorität, beruft er sich immer nur auf eine persönliche Erfahrung“ – nur eben nicht auf seine persönliche, eigene Erfahrung, sondern auf eine überliefert. Dem stellt Hellinger entgegen:

Die Erfahrungen der anderen regen meine an und korrigieren und bereichern sie. Aber ver­ant­wortlich handeln kann ich nur auf Grund meiner eigenen Erfahrung. Die eines anderen wird erst dann gültig und verpflichtend, wenn sie durch meine eigenen bestätigt wird. (…) Für mich ent­scheidend ist die Wirkung, die diese Botschaft in mir ausgelöst hat. Dann glaube ich vor allem und zuerst meiner eigenen Erfahrung.“ (S. 21)

Gewiss sei es so, „dass die eigene Erfahrung of täuscht. (…) In Fragen des Glaubens bin ich dennoch auf diese meine persönliche Erfahrung verwiesen, und nur auf sie. Wenn sie nämlich unsicher ist, dann ist es auch die der anderen. (…) So unsicher die persönliche Erfahrung auch sein mag, sie ist das Sicherste, das zu haben ist.“ (S. 22)

Und dann kommt Hellinger auf die Geschichte, die ich an anderer Stelle sein „Lebensskript“ genannt habe: „Wer sich im Namen der Schrift eingeschüchtert fühlt, der darf auch auf das andere Wort der Schrift hören, das uns ermutigt zur Freiheit und zum Vertrauen auf die eigene religiösen Erfahrung.“ (S. 22) Und er zitiert die Verheißung des Jeremia:

So spricht der Herr: Ich will meine Gesetze in ihren [des „Hauses Israel“] Sinn legen und in ihre Herzen schreiben. Ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein. Und es braucht keiner mehr seinen Mitbruder zu belehren: Erkenne den Herrn! Denn sie alle werden mich kennen, vom Klein­sten bis zum Größten unter ihnen. Denn gnädig will ich sein gegen ihre Ungerechtigkeiten, und ihrer Sünden will ich nicht mehr gedenken.“ (Jer. 31,33-34)

In Hellinger selbst hat diese kleine Passage eine große Wirkung ausgelöst: „Dieser große Text ist für mich eines jener Worte voll Leben und Kraft, die schärfer als ein zweischneidiges Schwert hindurchfahren bis ins innerste Gefühl. Das ist eines jener Worte, von denen ich spüre, wie sie auf die geheimsten Gedanken treffen und diese ans Licht bringen.“ (S. 23)

Mit der Schrift (also der Bibel) gegen andere Stellen derselben Schrift zu argumentieren, ist sicher zweischneidig. Allerdings ist ein „zweischneidiges Schwert“ nicht zwangsläufig ein besonders scharfes – nur ist man nie „auf der sicheren Seite“.

Dass diese Textstelle Bert Hellinger so bewegte, durch ihn hindurch und in sein innerstes Gefühl hinein fuhr, das war in der Tat eine ganz persönliche Erfahrung. Meine ist es nicht. Die „geheimsten Gedanken“, die da getroffen und ans Licht gerufen wurden, waren seine höchst­persönlichen Gedanken, sein Lebensskript.

Wenn wir darum wissen, dass dieses „So spricht der Herr: Sie alle werden mich erkennen“ die große Trieb­kraft in Bert Hellingers Leben war, können wir diesen Impuls in vielen Aspekten seines Denkens und seiner Auf­stellungspraxis wiederfinden – sei es in der „phäno­menologischen Vorgehens­weise“, sei es in seinem Konzept des Geistes, sei es in seiner Weigerung, eine therapeutische Schule zu begründen.

Es stellt sich dann die Frage, wie weit dieses Thema der Gotteserkenntnis nur Berts ganz persönliches Thema war, und wie weit es verbindlich wäre auch für andere Aufsteller. Ich habe darauf keine eindeutige Antwort.


  1. ↩︎

Vortrag von 1972, abge­druckt in Bert Hellinger, Religion, Psychotherapie, Seelsorge. München, 2000.
Der Titel dieses Vortrags steht in Anführungszeichen, als ob es ein Zitat wäre. Es ist mir nicht gelungen herauszufinden, wo das herkommt oder was es dem Leser sagen soll. T. Gehrmann

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