Phänomenologisch

DIESER ARTIKEL IST AKTUELL (15.6.26) IM UMBAU UND EIN STEINBRUCH FÜR DIE NEUE FASSUNG.
Thomas Gehrmann

Im Artikel Über Bert Hellinger schrieb ich: „Abgesehen von ‚phänomenologisch’ ist er ohne jedes Fremd­wort ausgekommen, und speziell dieser eine Begriff hat sich als wenig hilfreich erwiesen.“ Hilfreich wäre er dann, wenn er die oft rätselhaft wirkende Vorgehensweise Hellingers klar machen, eben „auf den Begriff bringen“ würde. Tatsächlich ist meine spontane Reaktion auf den Satz „Diese Vor­gehens­weise ist phäno­meno­logisch“ keineswegs: „Ah, dann ist mir die Sache klar!“ Der Satz erklärt mir gar nichts, und damit bin ich nicht allein. „Phänomenologie ist etwas ganz anderes, als die meisten Aufsteller darunter verstehen“, bemerkte auch Wilfried Nelles.1

Da ergeben sich mehrere Fragen: Worin besteht die „phänomenologische Vor­gehens­weise“ denn tatsächlich? Und dann schließlich: Warum war er Hellinger so wichtig?

Warum ist die „phänomenologische Vorgehensweise“ so schwer zu begreifen? Die Schwierigkeit ergibt sich aus verschiedenen Gründen. Der erste liegt in der Gleich­setzung von beobachten und wahrnehmen. Wer hier nicht unterscheidet, kann nicht verstehen, was Hellingers phänomeno­logische Vorgehensweise bedeutet. Ein anderer Grund liegt darin, dass Hellinger verschiedene Vorgänge als phänomenologisch bezeichnet, die meines Erachtens wenig miteinander zu tun haben. Dann müsste es auch verschiedene (und zwar gleich gültige) Ant­worten auf die Frage geben, worin die „phänomenologische Vorgehensweise“ denn tat­sächlich besteht.

Damit scheint auch die dritte Frage beantwortet, warum ich es nicht hilfreich finde, die beson­dere „gesammelte“ Vorgehensweise beim Aufstellen als phänomenologisch zu bezeichnen. Zu den nachvoll­zieh­baren Schwierigkeiten zu verstehen, was damit gemeint ist, kommt hinzu, dass es sich bei der Phäno­menologie um eine spezielle Richtung in der akademischen Philo­sophie handelt, die ihrerseits selbst als schwer verständlich gilt. Was also ist uns damit ge­holfen? Natürlich ergibt sich daraus eine weitere Frage: Wenn dieser Begriff so wenig hilft, Hellingers Arbeitsweise zu verstehen – warum hat er dann auf diesem Begriff bestanden?

Beobachtung und Wahrnehmung

Zum einen fügt sich jene Wahrnehmung, die Hellinger als phänomenologisch bezeichnet, nicht zu unserem alltäglichen Denken. Viele meinen, wahrnehmen wäre ein anderes Wort für beob­achten. Das ist es aber nicht, jedenfalls nicht in Hellingers Verständnis. Beob­achten ist ein sinnlicher Vorgang. Wir beob­achten etwas im Außen. Wahr­nehmung hingegen geschieht innerlich. Wir erspüren etwas, oder uns geht plötz­lich eine Erkenntnis auf. Wer sich diesen Unterschied zwischen Beobach­tung und Wahrneh­mung nicht immer wieder klar macht, kann die Phänomenologie im Sinne Hellingers nicht verstehen.

Bei der philosophischen Phänomenologie geht es darum, aus der Fülle der [bekannten oder sichtbaren] Phänomene das Wesentliche wahrzunehmen, indem ich mich ihnen vollständig, gleichsam mit meiner größten Fläche, aussetze. Dieses Wesentliche taucht aus dem Verbor­genen plötzlich auf, wie ein Blitz.“2
Das Wesentliche ist nichts Dingliches, das man sehen und auf das man zeigen könnte. Wenn es auftaucht, dann ist es an die Wahrnehmung derjenigen Person gebunden, die sich da „gleichsam mit seiner größten Fläche“ den Phänomenen und dem, was hinter ihnen verborgen sein mag, ausgesetzt hat.

In der Aufstellungspraxis spielt natürlich auch die Beobachtung eine große und wichtige Rolle. Vor dem Hintergrund des Wissens um die Ordnungen können wir die Konstellationen, wie die Stellvertreter zuein­ander stehen, lesen und deuten. Wir können schon in Nuancen der Körperhaltung erkennen, ob es einen Stellvertreter zu einem anderen hin zieht oder von ihm weg. Jeder kann sehen, wenn ein Stell­vertreter bedrückt oder froh wirkt, etcetera. Damit kann der Aufsteller praktisch arbeiten, auch ohne dass er in sich selbst etwas Verborgenes wahrnimmt.

Drei Ebenen der Phänomenologie

In sein Buch Ordnungen der Liebe hat Bert Hellinger ein Kapitel über die Phänomenologie nachträglich eingefügt.3 Ganz ähnlich wie beim Gewissen, das er in drei verschiedene Ebenen gliedert, schreibt er hier von 1. der philosophischen Phänomenologie, 2. von einer psychotherapeutischen und schließlich 3. von einer religiösen Phänomenologie.

1) Sein Paradebeispiel, mit dem er über die Jahre immer wieder erklärte, was er mit Phäno­meno­logie meint, ist seine Einsicht in die Funktion des Gewissens in sozialen Systemen: „Sechs Jahre lang habe ich mich dem Phänomen des Gewissens ausgesetzt – aber mit Abstand! Alles, was über das Gewissen geschrieben und gesagt wurde, dem habe ich mich aus­gesetzt, sechs Jahre lang, ohne Urteil, ohne, dass ich irgendetwas wollte. Ich habe mich den Phänomenen nur ausgesetzt. Und nach sechs Jahren kam plötzlich der entscheidende Hinweis. Die Ein­sicht, die mir geschenkt wurde, war: Das Gewissen entscheidet über Zuge­hörigkeit.“4

2) Bei dem, was er an jener Stelle „psychotherapeutische Phänomenologie“ nannte, geht es um die Wahrnehmungen der Stellvertreter. „Dazu braucht es noch einen anderen Zugang, den ich ‚Wissen durch Teilhabe’ nenne. Dieser Zugang eröffnet sich über das Familienstellen, wenn es auf phänomenologische Weise geschieht.“5

Dass es sich um „einen anderen Zugang“ handelt, ist offensichtlich. Denn in einer Aufstellung können wir nicht sechs Jahre warten, bis uns eine Einsicht in das Wesentliche kommt – und wir brauchen es auch nicht. Wir suchen ja nicht unbedingt „das Wesentliche“ nur insofern, als es und den nächsten fälligen Schritt anzeigt. Und den müssen wir nicht verstehen, nur als solchen erkennen.

Es wäre schön gewesen, wenn Hellinger näher darauf eingegangen wäre, was denn den einen Zugang vom anderen Zugang unterscheidet. Aber das hat er leider nicht getan. Wir können aus diesen wenigen Sätzen aber ableiten, dass das phänomenologische Element hier nicht in den Wahr­nehmungen der Stellvertreter liegt, sondern in der Weise, in der das Familienstellen ausge­führt wird: Gesammelt, ohne Urteil, ohne Furcht, ohne Absicht, „rein bei dem, was sich zeigt“.6

Auch die Formulierung „was sich zeigt“ ist sehr missverständlich. Zeigt es sich mir, dem Aufsteller, weil ich innerlich etwas Wesentliches wahrnehme, oder zeigt es sich allen, weil die Stellvertreter es klar und deutlich zum Ausdruck bringen oder aussprechen? Oder ist es eine Verbindung von beidem?

3) Der Abschnitt zur „religiösen Phänomenologie“ ist kaum zehn Zeilen lang, ergänzt um eine seiner Geschichten. Wenn man davon ausgeht, dass es in diesem Buch um die Methode des Familien­­stellens geht, die Hellinger zu jener Zeit selbst noch als eine psychotherapeutische Methode ansah, dann hilft das, was er über die philosophische Phäno­meno­logie schreibt, zum Verständnis dieser Methode wenig. Und das, was er über die religiöse Phänomenologie sagt, erscheint als Randnotiz, die nur von persönlicher Bedeutung für ihn selbst ist.

Warum „Phänomenologie“ für Hellinger so wichtig war

Das allerdings täuscht! Doch erst, wenn man die Sache umgekehrt betrachtet, wird ein Paar Schuh daraus! Wenn wir von Hellingers per­sön­licher großer Lebensfrage ausgehen, wie ich sie in Hellingers Lebens-Skript beschrieben habe, wird klar, warum ihm genau diese phänomenologische Vorgehensweise so sehr am Herzen lag.


  1. Wilfried Nelles, Bert Hellinger, die „Systemaufstellungen“ und ich – eine autobiografische Geschichte. 2023. https://www.nellesinstitut.de/blog/bert-hellinger-die-systemaufstellungen-und-ich-eine-autobiografische-geschichte/ ↩︎
  2. Bert Hellinger, Ordnungen der Liebe (Ausgabe von 2000), S. 23 ↩︎
  3. In der Ausgabe aus dem Jahr 2000 ist es enthalten, in der ersten Auflage von 1994 stand es noch nicht. Man kann daraus rückschließen, dass dieser Aspekt seiner Arbeit für Hellinger in dieser Zeit wichtig wurde. ↩︎
  4. Vortrag in Graz, 2013. Zitiert nach Gehrmann/Steinbach, In eine andere Weite. Sn. 23 f ↩︎
  5. Hellinger, Ordnungen der Liebe. S. 24 ↩︎
  6. a.a.O., S. 26 ↩︎

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