Bert Hellinger hat seine Philosophie des Geistes in verschiedenen Büchern und Vorträgen dargelegt. In seinen Vortrag Natürliche Mystik (Hamburg, 2008) fasst er sie zusammen1 und erklärt außerdem, wie er dazu gekommen ist. Hellinger griff Aristoteles’ Konzept des „ersten Bewegers“ auf, so, wie sie über Averroes in die christliche Theologie des Mittelalters gekommen war. Hier folgt ein Auszug:
„Vor zwei Jahren las ich ein Buch über Meister Eckhart. Aber kein mystisches Buch. Das Buch war geschrieben von einem Philosophen. Und er wies nach, dass Meister Eckhart im Grunde ‚nur’ ein Philosoph war, und dass das Mystische, das er erfahren hat, zusammenhing mit philosophischen Einsichten. Denn gerade zu der Zeit, als er Magister war in Paris, wurden die ersten Übersetzungen von Aristoteles bekannt, und zwar über Averroes, einen Araber, der einen langen Kommentar über alle Bücher von Aristoteles auf Arabisch verfasst hat, der dann ins Lateinische übersetzt wurde und so verfügbar war. Und das war eine Seite in dem Buch. Nur eine Seite. Alles, was Aristoteles gesagt hat, war zusammengefasst in einer Seite! Und das war für mich umwerfend.
Also, Aristoteles beobachtet, dass alles, was existiert, in einer Bewegung ist. Und er schließt daraus, dass es eine Kraft geben muss, von der alle Bewegung ausgeht. Und er nannte die den ‚ersten Beweger’. Aber was heißt das? Was bewegt der denn? Gibt es etwas vor ihm, das er bewegen könnte? Wie entsteht dann überhaupt die Bewegung von allem, was existiert? Sie entsteht aus dem Denken eines Geistes. Und er nannte diesen Geist ‚Nous’.
Nous ist mehr als unser deutsches Wort ‚Geist’, es ist zugleich ‚Intellekt’. Es ist beides verbunden. Also, diese geistige Kraft, die alles bewegt, muss eine geistige Kraft sein, eine intellektuelle Kraft, weil alles, was bewegt wird, sich sinnvoll bewegt in jeder Hinsicht und zugleich mit allem anderen in Verbindung ist, in einer sinnvollen Verbindung. Aristoteles schließt daraus: Dieser Geist denkt, und was er denkt kommt damit ins Dasein. Nur weil er es denkt, so weit er es denkt und wie er es denkt, kommt es in sein Dasein. Es gibt nichts, was da ist und sich bewegt, was nicht von dieser geistigen Kraft gedacht ist.
Was heißt das jetzt? Es heißt: Alles ist richtig. Wie es ist, ist es gedacht. Es ist gewollt, wie es ist, ohne Unterschied. Was heißt das dann genau? Diese geistige Kraft, die weit über unsere Gottesbilder hinaus geht, sie ist die eigentliche, ursprüngliche schöpferische Kraft. Für die gibt es kein Gut und kein Böse, kein Richtig und kein Falsch. Keine Täter, keine Opfer. Nichts von dem, nach dem wir unsere Welt einteilen. Und wenn wir jetzt in Bewegung kommen mit dieser Bewegung, wenn wir in Einklang kommen mit dieser Bewegung, fallen für uns alle diese Unterscheidungen völlig weg.
Was ich jetzt mehr philosophisch beschrieben habe, wende ich an in meiner Arbeit. Wenn ich zum Beispiel mit jemandem arbeite, der ein Problem hat und der mit mir arbeiten will, dann stelle ich Stellvertreter auf, ohne zu benennen, um was es geht. Und plötzlich werden die von einer Bewegung erfasst, unwiderstehlich. Und wenn jetzt mehrere zusammen kommen, wird über diese Bewegung etwas miteinander verbunden, was vorher getrennt war. Das ist eine Bewegung des Geistes. Eine Bewegung, welche die Unterschiede von gut und böse, oder von zugehörig und nicht-zugehörig, oder erwählt oder verdammt, völlig aufhebt. Und das ist beobachtbar“.
- Dieser Vortrag ist wiedergegeben in Gehrmann/Steinbach, Gehen mit dem Geist. Sn. 40 f der dritten Auflage von 2025. ↩︎