„Wo ist der Eine?“

Im November 2013 saßen Ursula und ich abends zu Tisch. Wir sprachen über Bert, als Ursula plötzlich sagte, sie sähe in einer Flasche auf dem Tisch eine Person, die für Bert wichtig ist. Da wir hin und wieder mit Gegenständen auf dem Tisch aufstellen, wollte ich gleich einen Gegenstand für Bert dazu stellen. Doch Ursula sagte, sie sei schon in der Rolle von Bert. Also standen wir auf, ich ging in die Rolle jener anderen Person und stellte mich „Bert“ gegenüber.

Es war sofort deutlich, dass ich in der Rolle einer sterbenden Person stand. Eigentlich war ich schon tot, auch wenn ich sehr aufrecht stand. Bert näherte sich langsam, anfangs eher unwil­lig, ja grimmig, später milder, schließlich freundlich. Ursula berichtete anschließend, aus dem rechten Auge der Person gegenüber „tropfte eine einzelne, riesige Träne, und mir war so, als hätte ich diese Träne vorher schon in der Flasche gesehen.“

In der Rolle dieses alten Mannes fiel mir das Sprechen schwer, aber ich brauchte eine Antwort. Ich fragte Bert: „Wo ist er? Wo ist Gott?“ Er antwortete: „Gott ist überall, in allem.“ Das war für mich leeres Geschwätz: „Nein, ich meine: Wo ist Er? Der Eine?“ Und Bert antwortete: „Den gibt es nicht.“

Das hatte ich schon geahnt, jedoch nicht zu denken gewagt! Ich brauchte jemanden, der in der Lage war, es auszusprechen, jemand, dem ich vertrauen konnte. Ich spürte, dass der Vorgang meines Sterbens Fahrt aufnahm. Bert hielt mich, ließ mich aber langsam zu Boden gleiten. Schon auf dem Boden liegend fragte ich weiter: „Ist denn da gar nichts?“ Bert antwortete: „Doch. Gott ist überall. Nur den Einen, den gibt es nicht. Gott ist in allem, auch in dir. Du kannst ihn in dir spüren. Spürst du ihn?“ Dabei legte Bert seine Hand auf meine Brust.

Dann habe ich nach innen gespürt und eine wunderbare Weite gefunden, in der alles gut war, wie es war. Ich konnte mich völlig entspannen und die Augen schließen. Dann drehte Bert sich um, und wir gingen beide aus den Rollen.

Dass eine Aufstellung so „über uns kommt“, hatten wir bis dahin noch nicht bewusst erlebt. Nachdem Ursula diese Niederschrift der Aufstellung gelesen und ergänzt hatte, sagte sie: „Wenn man es liest, sieht es nach wenig aus. Dabei war es so gewaltig.“

Aber was war es? Wer war dieser alte Mann? Was war Berts Beziehung zu ihm? Aus der Rolle heraus kann ich auf jeden Fall sagen: Ich war „eine Stufe“ älter als Bert, und zuerst dachte ich, vielleicht sei ich sein Vater gewesen. Und ich hatte ein großes Vertrauen zu Bert, Vertrauen, dass er mich verstehen und dass er mich nicht belügen würde. Er öffnete mir eine andere Weite, in der ich Frieden finden konnte. Erst dadurch konnte ich endlich die Augen schließen und mein Sterben abschließen, obwohl ich „historisch“ sicher schon lange tot war.

Später kam mir etwas anderes in den Sinn: In dieser Rolle hatte ich Bert in einem früheren, wahrscheinlich dem vorigen Leben vertreten. Ist das wirklich so? Mein Gefühl geht in diese Richtung, und es passt auch zum Bild der Aufstellung. Mehr kann ich nicht sagen. Mehr brauche ich nicht, mehr hätte Bert selbst auch nicht gebraucht. Die Frage (in Berts Sinn) wäre auch nicht: „Können wir das überprüfen?“ Die Frage wäre einfach: Hilft es uns weiter, wenn wir Berts Leben in seiner großen Linie, aber auch mit seinen Wendungen, Brüchen und Widersprüchen verstehen wollen?

Bei Rudolf Steiner habe ich gelesen, dass ein Mensch so, wie er bei seinem Tode die Welt verlässt, in das nächste Leben wieder eintreten wird. Wenn ich das Bild dieser Aufstellung und mein Gefühl dazu ernst nehme, dann war Bert schon in früheren Leben Kleriker, und zwar einer, der sich mit Zweifeln quälte:
„Gibt es diesen Gott, in dessen Namen ich predige? Ist er so, wie es in der Bibel geschrieben steht?“
Das wäre, wenn wir dem Bild der Aufstellung folgen, die Frage, mit der Bert aus sei­nem vorigen Leben geschieden war. Mit dieser Frage wäre er wieder auf die Welt gekommen. Das wäre dann Berts Lebensthema – beziehungsweise sein Lebensskript.

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