In einem Aufsatz1 macht Wilfried Nelles mehrere Anmerkungen zum Stichwort „Lösung“. Anmerkungen, die ich ausgesprochen kühn, aber eben doch bedenkenswert fand. Er erklärt, es sei eine „Anmaßung, als Therapeut dem Kranken die richtige Lösung zeigen und als Betroffener die Krankheit wegmachen zu können, wenn man nur das Richtige tue. Und Aufstellungen, so erweckte Hellinger oft den Eindruck, zeigen, was richtig ist, zeigen die ‚gute Lösung’. (…)
In Hellingers Theorie von Verstrickung und Lösung schwingt immer auch die Idee der Befreiung oder Lösung von der Vergangenheit mit. Doch man kann seine Geschichte nur nehmen, wie sie war, aber sich nie davon lösen. Die Lösung geschieht dann, wenn man die Vergangenheit so lässt, wie sie war, vollkommen unangetastet. Dann kann sie – als etwas, was war, wie es war – vorbei sein. Dann trage ich sie in mir und bin zugleich, weil ich ihr zustimme, frei davon.“
Es wunderte mich, dass Nelles diese Kritik gerade an Bert Hellinger richtet. Denn dass man die Vergangenheit anschauen und ihr so, wie sie war, zustimmen müsse, das habe ich genau so von Bert Hellinger gelernt. Hier wäre anzumerken, dass Nelles von Hellinger vor allem in der frühen Phase des Familienstellens gelernt hatte und ich in der späten. Da gab es Unterschiede in Berts Arbeitsweise.
Aus den Video-Aufzeichnungen seiner Seminare weiß ich, dass er in den 90er Jahren danach forschte, welche Störung der Ordnung (zum Beispiel eine Anmaßung) zu welchem Symptom führte und welche angemessene Verhaltung die Lösung wäre. Das hatte etwas vom „ABC-Buch des Doktor Allwissend“, wo eben alles drin stehen sollte. So mechanisch funktioniert es zwar nicht, aber wir haben viel gelernt über angemessenes oder unangemessenes Verhalten. Auch darüber, dass beides Folgen hat, schmerzliche oder befreiende.
Und die Lösung? Hinschauen und anschauen, was und wie etwas war (beziehungsweise: was die Aufstellung darüber zeigt), das heißt: Anerkennen, was ist. Mehr Lösung als das kann man von einer Aufstellung füglich nicht erwarten, und mehr sollte ein Aufsteller auch nicht erreichen wollen.
Wem das zu wenig erscheint, dem ist nicht bewusst, welch eine Leistung das verlangt. Hinschauen heißt eben nicht zu sagen: „Jaja, ich weiß schon“, sondern genau hinzuschauen, dabei offen und weit zu bleiben, ohne Urteil und Vorurteil. Es heißt, sich ergreifen zu lassen, ohne jedoch sich von Emotionen hinreißen zu lassen. Und ohne dem Wunsch nachzugeben, helfen zu wollen, nach einer Lösung zu streben.
- Bert Hellinger, die ‚Systemaufstellungen‘ und ich – eine autobiografische Geschichte, von 2023 ↩︎