Aletheia – nichts Geringeres als die Wahrheit

Das Folgende ist ein Auszug aus dem Kapitel Der phänmenologische Erkenntnisweg, in:
Gehrmann/Steinbach, In eine andere Weite. Zur Philosophie und Theologie von Bert Hellinger. Kassel, 2018. Sn. 38 ff

„In dem Wort Phänomenologie steckt das Wort Phänomen“, sagte Hellinger. „Das ist also etwas, das sich zeigt.“[1] 1Genau genommen leitet sich das Wort Phänomen von dem griechi­schen Verb phainomai ab, das in dieser Passiv-Form „gesehen werden“ bedeutet. Die Grund­bedeutung ist „scheinen“. (…)

An anderer Stelle schrieb Hellinger, Heidegger zitierend, Wahrheit sei „das Unverborgene, griechisch aletheia. Wahrheit ist hier das, was sich aus dem bisher Verborgenen entbirgt. Das heißt: Wahrheit zeigt sich uns.“[2]2 Für aletheia gibt es verschiedene Herleitungen. Die ein­fach­ste ist die Zusammensetzung von „a“ (nicht) und „letheia“ (von lanthano, verborgen sein).

Eine andere bringt Lethe ins Spiel. Den Namen Lethe finden wir wieder im Wort Lethargie, auch im englischen lethal (tödlich). In der griechischen Mythologie war Lethe allgemein die personifizierte Vergessenheit, speziell aber auch ein Fluss in der Unterwelt. Wer an diesen Fluss kam und von seinem Wasser trank, verlor die Erinnerung an sein vergangenes Leben. Man könnte zusammenfassend sagen: Was gewesen ist, verbirgt sich im Vergessen. Und in der phänomenologischen Aufstellungs­arbeit kann es sich entbergen.

Was auf dem phänomenologischen Erkenntnisweg aus seiner Verborgenheit hervor und uns entgegen tritt, ist im Kontext des Zitates also nichts Geringeres als die Wahrheit: „Die Wahr­heit zeigt sich uns.“ Waren wir bisher nur damit befasst, beim Aufstellen den wesentlichen Kern des Anliegens einer Person zu ergründen, geht es auf einmal um Allergrundsätzlichstes!

Beim phänomenologischen Aufstellen erscheint uns etwas bis dahin Unsichtbares. Es zeigt sich in einem bestimmten Kontext, nämlich dem Anliegen. Es ist aber nicht gebunden an die Wünsche des Falleinbringers oder die eventuellen Absichten des Aufstellers. Was immer es ist, wir müssen es nicht ergründen. Im phänomenologischen Vorgehen lösen wir uns vom jeweils konkreten Anliegen und richten unsere Achtsamkeit statt dessen in eine unbestimmte Ferne. Führt dieser Erkenntnisweg dann nicht in die Richtung auf ein absolutes Unsicht­bares?3


  1. Vortrag in Graz 2013 ↩︎
  2. Bert Hellinger, Wahrheit in Bewegung. S. 37f ↩︎
  3. Das Wort „absolut“ ist hier nicht umgangssprachlich gemeint, sondern im ursprünglichen Sinn als losgelöst, also von nichts abhängig oder abgeleitet, unbegrenzt. ↩︎

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