Ausgeschlossene

Bert Hellinger zufolge sind wir oft unbewusst in die Schicksale von Menschen verstrickt, die zum System dazugehören, die aber aus dem System ausgeschlossen wurden. Hellinger vermutete ein „Sippen-“ (oder allgemeiner: Gruppen-) Gewissen, das bewirkt, dass Nach­geborene unbewusst das Schicksal dieser ausgeschlossenen Person in der Gegenwart reprä­sen­tieren, gleichgültig, ob sie etwas über diese Person wissen oder nie von ihr gehört haben.
Im Folgenden ein Auszug aus dem Buch Gehen mit dem Geist1:

Zu den Ausgeschlossenen zählt Hellinger alle, die zu einer Gruppe dazu gehören oder dazu gehört haben, die aber nicht als zughörig anerkannt werden. Ausschluss kann ganz förmlich, ja rituell geschehen, etwa wenn jemandem gesagt wird: „Hau ab und lass dich hier nie wieder blicken!“ Oder: „Du bist eine Schande für uns alle. Wir kennen dich nicht mehr.“

Manche Menschen werden aus dem Bewusstsein ihrer Familie ausgeblendet, weil ihr Schicksal für die übrigen schwer zu ertragen ist. Hellinger, am Beispiel einer Mutter, die ihr Kind verloren hatte: „Wenn es so schmerzlich war, wie es für sie gewesen sein muss, dann schaut man nicht mehr hin. Und das hat dann weitreichende Wirkungen auch auf andere in der Familie.“

Andere sind in ihrer Familie geächtet, weil sie dem Gewissen der Gruppe zuwider gelebt haben – Trunkenbolde, Schwule, Gesetzesbrecher, religiöse Abweichler und so weiter. Sie sind aus der wohlwollenden Zuwendung und dem Gedenken der Familie ausgeschlossen. Und doch: Wer je dazu gehört hat, gehört für immer dazu, mit dem gleichen Recht wie alle anderen.

Die Leerstellen, wo wir das Andenken an die Ausgeschlossenen gelöscht haben, wo wir ihre Wirklichkeit (also auch Wirksamkeit) leugnen, sind wie eine Wunde im System, die nicht heilen kann. Wie schlimm der Ausschluss für die Betroffenen selbst ist, erkennen wir daran, wie wohltuend und heilsam es für sie ist, wenn in einer Aufstellung zu ihnen gesagt wird: „Du gehörst dazu“.

Beim Familienstellen achten wir auf die Ausgeschlossenen schon vor Beginn einer Auf­stellung, wenn der Falleinbringer darstellt, worum es ihm geht. Wer wird dabei nicht erwähnt, obwohl er doch dazu gehört? Oft sind das die Väter. Jemanden, der dazu gehört, nicht zu erwähnen, ist vernichtender, als ihn zu beschimpfen! Wer keine Erwähnung wert ist, verliert jede Wirkung, er wird entwirklicht.

  1. Gehrmann/Steinbach, Gehen mit dem Geist. Die Aufstellungen nach Bert Hellinger. 3., überarbeitete Auflage. Kassel, 2025 (1. Auflage 2014) ↩︎
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