Zugewandheit II

Bert Hellinger: Erkennen mit dem Herzen

Um etwas Wesentliches zu erkennen, müssen wir uns in der Regel einer Situation zuwenden, in der uns bisher etwas verborgen geblieben ist. Zuwendung heißt hier, wir richten auf diese Situation unsere Aufmerksamkeit. Das, worum es hier geht, geht uns direkt an. Wir wollen etwas erkennen, das uns persönlich wichtig ist, weil es uns unmittelbar betrifft. Wir sind bei dieser Art der Erkenntnis mit dem Herzen dabei. Was uns gleichgültig bleibt, können wir nicht erkennen. Es entzieht sich unserer Aufmerksamkeit und verschließt sich vor uns.

Die Erkenntnis setzt ein Gegenüber voraus, das uns antwortet. Wir müssen es für die Erkennt­nis gewinnen. Daher ist die Zuwendung zu dem, was wir erkennen wollen, der Beginn der Erkenntnis. Wir kommen also mit ihm durch diese Zuwendung in Einklang. Das, was wir erkennen wollen, muss gleichsam vor unserem Zugriff sicher sein. Es vergewissert sich, ob wir es achten und ob wir es auf eine Weise erkennen wollen, die dem Leben im weitesten Sinne dient.

Die wesentliche Erkenntnis verlangt von uns zuerst das Innehalten vor dem, was uns noch verborgen ist. Im Innehalten lassen wir unsere Wünsche los und unsere Absichten, den Wissensdurst, aber auch die Angst vor dem, das sich vielleicht zeigen könnte. Erst wenn wir auf diese Weise offen werden und bereit, taucht es aus dem Dunkel ins Licht und zeigt sich.

Aus: Bert Hellinger, Wahrheit in Bewegung. Freiburg, 2005. Sn. 64 f

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