Über Bert Hellinger

Was muss man über Bert Hellinger als Person wissen? Und wozu überhaupt?

Um sein Denken und seine Arbeit besser zu verstehen, ist es schon nötig, etwas über ihn als Person wissen. Seine Denkweise war (wie man heutzutage sagt) mit dem „mainstream“ oft nicht konform. Seine Sprache war einfach und klar. Abgesehen von „phänomenologisch“ ist er ohne jedes Fremdwort ausgekommen, und speziell dieser eine Begriff hat sich als wenig hilfreich erwiesen. Seine Vorgehensweise bestand einerseits aus einer Technik, einer Methode. Die ist eigentlich sehr einfach, man kann sie schulmäßig lernen und anwenden. Andererseits jedoch bestand sie auch aus einer „inneren Haltung“, und die ist keine Technik, die man lernen und anwenden könnte. Ohne diese „Haltung“ kann man Hellinger und seine Arbeit nicht verstehen, und genau so verhält es sich auch – sie wird oft nicht verstanden.

Um zu einem tieferen Verständnis zu kommen, hilft es da, seinen Lebenslauf genau zu kennen? Die angebliche Autobiografie Bert Hellinger. Mein Leben. Mein Werk von 2018 ist voll von Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend. Doch die befriedigen nur törichte Neugier und sind weitgehend überflüssig. Nötig zu wissen ist aus seinem Lebenslauf eigentlich nur dies:

Bert wurde als Anton Hellinger am 16. Dezember 1925 geboren. In seinem autobiografischen Buch Ein langer Weg (2005) berichtete er, dass ihm schon im Alter von fünf Jahren klar war, dass er einmal Priester werden würde. Als Schüler lebte er in einem katholischen Internat. Vor Kriegsende wurde er als Soldat in die Wehrmacht eingezogen. 1952 wurde er Priester und ging als Missionar nach Südafrika. Im Mariannhiller Missions-Orden erhielt er den Namen Suitbert, dessen Kurzform Bert er auch nach seiner Zeit als Priester beibehielt.

Etwa um sein 35. Lebensjahr gab es eine erste große Wendung in seinem Leben. Mitte der 60er Jahre kehrte er nach Deutschland zurück und trat aus dem Orden aus. (Ob er je aus der Kirche austrat, ist mir nicht bekannt.) Anstoß zu dieser Entscheidung war eine Erfahrung mit der Gruppendynamik. Er heiratete Herta, eine Psychotherapeutin und vormalige Nonne, wurde selbst Trainer für Gruppendynamik und durchlief weitere Ausbildungen in Psychoanalyse, Primärtherapie (Urschrei) und Transaktions-Analyse (Lebensskript). Er blieb offen für Neues.

In der Familientherapie nahm er an Aufstellungen teil und erlebte das, was wir heute als „Stellvertreter-Phänomen“ kennen: Dass Stellvertretern in der Aufstellung auf einer geistigen Ebene Informationen über Personen zufließen, über die man eigentlich nichts weiß. Mit diesem Element aus der Systemischen Familientherapie arbeitete er konsequent weiter und erforschte, wie er es später formulierte, „was sich zeigt über die Beziehungen in einer Familie, wenn man sie durch Stellvertreter aufstellt“. Zusammen mit seinem Konzept der Ordnungen ist dies das Fundament des „Familienstellen nach Hellinger“. Diese Periode dauerte von Beginn der 80er bis Ende der 90er Jahre und ist in in vielen Büchern und auf Videos dokumentiert.

Das erste Buch über seine Arbeit, Zweierlei Glück, wurde Anfang der 90er Jahre von Gunthard Weber herausgegeben. Dadurch wurde Hellinger, der bis dahin nur mit kleinen Gruppen arbeitete, bekannt – zunächst unter systemischen Therapeuten, doch bald bekamen seine Aufstellungs-Seminare großen Zulauf auch über diesen Kreis hinaus.

Ungefähr in dem Zeitraum von 1995 bis 2005 betonte Hellinger a) die Bedeutung der (von ihm so genannten) „phänomenologischen“ Wahrnehmung, und b), dass die Heilung von außen her komme, nicht aus der Kunstfertigkeit des Therapeuten. Rückschauend kann man zusammenfassen, dass er sich von der herkömmlichen Psychotherapie abwandte und ein metaphysisches Verständnis seiner Arbeit entwarf.

Parallel dazu verschärften führende Vertreter der Systemischen Therapie ihre Angriffe gegen Hellinger. Um das Jahr 2000 drängte Sophie Erdödy in Hellingers Leben, der sich ihretwegen von seiner Frau Herta scheiden ließ. Glaubt man dem Buch Bert Hellinger. Mein Leben. Mein Werk (verfasst von einer Lohnschreiberin im Auftrag seiner zweiten Frau) dann verlief diese Trennung höchst anständig und würdevoll. Zeugen dieses Vorgangs berichten darüber völlig anders. Tatsache ist, dass in der folgenden Zeit sich viele Aufsteller, die Bert zuvor nahegestanden hatten, sich von ihm abwandten und umgekehrt Bert sich mit seiner Frau Sophie zurückzog. In dieser Zurückgezogenheit blieb er bis zu seinem Lebensende. Etwa ab 2010 leitete Hellinger Aufstellungs-Seminare fast nur noch mit seiner Frau zusammen. 2016 steuerte er sein Auto gegen ein Haus neben der Landstraße. Ob es ein Unfall war oder ein Selbstmordversuch, wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Er starb drei Jahre später.

Für ein Verständnis seines Denkens und seiner Arbeit ist es grundlegend, sich die Wendungen in Bert Hellingers Leben bewusst zu machen:

Nachdem er (praktisch seit seiner Kindheit) die ersten 35 Lebensjahre Priester gewesen war, folgte eine Zeit, in der er sich als Psychotherapeut verstand. In dieser zweiten Periode wandte er sich von Religiösem weitgehend ab. In mehreren seiner Geschichten spottete er über spirituelle Sucher und wandte sich entschieden dem irdisch Menschlichen zu: Was bleibt uns ohne das Streben nach „dem Letzten“? „Uns bleibt, für eine Zeit, die Erde“. Diese Periode im Leben Bert Hellinger kam Mitte der 90er Jahre oder (in anthroposophischer Sicht) nach seinem neunten Lebens-Jahrsiebt an ein Ende. Mit der weitgehend abgeschlossenen Entwicklung des Familienstellens war seine Arbeit in der Welt getan.

Seine erneute Hinwendung zum Metaphysischen war nicht einfach eine Rückkehr zu der Religiosität seines ersten Lebensabschnitts. Er kehrte nicht einfach in die Arme der Kirche zurück. Sein Konzept des „Geistes“ fußt auf Aristoteles, weniger auf der Bibel. Selten sprach er von sich als Theologen („Ich war ja mal Theologe und bin es noch, in gewisser Weise“1), öfter als Philosoph, und zwar, wenn er einmal dazu konkret wurde, entweder in einer mystischen Tradition der Antike (Pythagoras) oder eben als „Phänomenologe“ der Aufstellungspraxis.2 Die Möglichkeiten der menschlichen Gotteserkenntnis blieben für ihn ein Leitthema.

  1. Vortrag Natürliche Mystik. Hamburg, 2008 ↩︎
  2. Wie ich Bert Hellinger von etwa 2008 bis zu seinem Tod erlebt habe, berichte ich in meinem Buch Das goldene Fenster (Kassel, 2021) ausführlich. ↩︎
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